Titel / Kurzbeschreibung
Allerheiligen I
Datierung
Juli/August 1911
Objektart
Gemälde
Material
Öl, Gouache auf Karton
Maße
50 cm x 64,8 cm
Signatur / Beschriftung
u. l.: K im Dreieck
Ausgestellt
ja
Inventarnummer
GMS 71
Zugang
Schenkung 1957
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Zitiervorschlag / Permalink
Wassily Kandinsky, Allerheiligen I, Juli/August 1911, Öl, Gouache auf Karton, 50 cm x 64,8 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://sammlungonline.lenbachhaus.de/objekt/allerheiligen-i-30012438.html
Werktext
Während der fruchtbaren Jahre in Murnau erfuhr die thematische Ausrichtung in Kandinskys Werk seit 1910 eine entscheidende Bereicherung durch christliche Motive. So gewinnen etwa die wichtige Figur des hl. Georg und eschatologische Visionen von Apokalypse und Jüngstem Gericht zunehmend an Bedeutung und dringen in verschlüsselter Form in seine bedeutendsten abstrakten Gemälde vor dem Ersten Weltkrieg ein, zunächst in die ″Komposition V″ (Privatbesitz, Schweiz), später in die großen ″Kompositionen VI″ und ″VII″. Diese Motive werden nicht nur zu zentralen Metaphern in seinen Bildern, sondern bieten zugleich einen Schlüssel für das Verständnis von Kandinskys Schaffen und der Bewegung des 'Blauen Reiter' insgesamt. Deren Sendungsbewusstsein im Hinblick auf eine neue Epoche des "Großen Geistigen" findet in ihnen Symbole von spirituellem, ins Universale gesteigertem Pathos.
Eines der frühesten Beispiele dieses biblischen Themenkreises ist das Ölgemälde ″Jüngstes Gericht″ von 1910 (Privatbesitz, New York), auf dem die kniende Gestalt eines Auferstehenden mit abgetrenntem Kopf unter der Posaune eines Engels und den stürzenden Türmen einer Bergstadt erscheint. Ein sehr ähnliches Hinterglasbild mit der russischen Beischrift ″Auferstehung″ schließt sich daran an. Ein weiteres Hinterglasbild, ″Große Auferstehung″ (beide Städtische Galerie im Lenbachhaus, München), vermehrt die Motive, unter anderem um ein Boot mit dreieckigem Segel und eine kleine Gruppe Gläubiger mit flammenden Kerzen, ebenso wie ein gleichnamiger, großer Farbholzschnitt aus demselben Jahr.
Auch das vorliegende Gemälde, ″Allerheiligen I″, fußt auf einem Hinterglasbild, das Kandinsky selbst in zwei Briefen an Gabriele Münter im Sommer 1911 als Ausgangspunkt bezeichnet. In verhüllter und teilweise modifizierter Form gibt das Gemälde die Darstellung des Hinterglasbildes wieder. Anhand des Vergleiches der beiden Werke sind in der Mitte die großen Figuren zweier umschlungener Heiliger zu erkennen; daneben drängen sich kleinere Menschengruppen. Unten streckt eine weibliche Halbfigur in gelber Kutte ihren Arm aus. Links erblickt man den bewaffneten Georgsritter auf weißem Pferd, vor ihm ein walnussgroßes Boot mit blauem Segel; über allem die einstürzenden Türme der Stadt auf dem Hügel. Bildbeherrschend rahmen zwei posaunende Engel mit riesigen Instrumenten von oben das Geschehen ein, wobei die goldene Trompete des linken weit in das Bild hineinfährt. Dies ist ein für den gesamten Themenkomplex entscheidendes Motiv: Das Allerheiligenthema wird auf eigenwillige Weise mit dem des Jüngsten Gerichts kombiniert (Kandinsky nannte dieses Bild auch ″Jüngster Tag″) und damit in einen endzeitlichen Zusammenhang gerückt. Mit den verhüllten, unklaren Formen der Darstellung wollte Kandinsky möglicherweise diese 'letzte' Wahrheit des Bildes in transzendierter Weise zum Ausdruck bringen.

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