Titel / Kurzbeschreibung
Studie zu Komposition VII (Entwurf 2)
Datierung
1913
Objektart
Gemälde
Material
Öl auf Leinwand
Maße
100 cm x 140 cm
Signatur / Beschriftung
unbezeichnet
Ausgestellt
ja
Inventarnummer
GMS 64
Zugang
Schenkung 1957
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Zitiervorschlag / Permalink
Wassily Kandinsky, Studie zu Komposition VII (Entwurf 2), 1913, Öl auf Leinwand, 100 cm x 140 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://sammlungonline.lenbachhaus.de/objekt/entwurf-2-zu-komposition-vii-30018582.html
Werktext
Die große ″Komposition VII″ bedeutet einen Höhepunkt in Kandinskys Schaffen vor dem Ersten Weltkrieg, in ihr kulminieren seine Bestrebungen, die "unendliche Erlebnisse ermöglichende Fähigkeit des Erlebens des Geistigen in materiellen und abstrakten Dingen" durch eine Kunst neuer bildnerischer Dimensionen zu wecken. Die anspruchsvolle Bezeichnung 'Komposition' verlieh Kandinsky im Laufe seines Lebens lediglich zehn seiner Werke, von denen sieben vor 1914, eine während seiner Jahre am Bauhaus und zwei in seiner späten Pariser Periode nach 1933 entstanden sind. Rationale Konzeption, Imagination und Intuition wirken in diesen höchst komplexen Werken zusammen.
Welche genaue Überlegung und Disposition der ″Studie zu Komposition VII″ zugrunde liegen, dokumentieren die zahlreichen Vorarbeiten für die 2 x 3 m große Endfassung des Werks (Tretjakow Galerie, Moskau). Mit mindestens 21 Zeichnungen und Aquarellen sowie sechs größeren Ölstudien bereitete Kandinsky diese endgültige Fassung vor, die er schließlich in vier Tagen, vom 25. bis 28. November 1913, auf die große Leinwand übertrug.
Das hier präsentierte Bild ist eine dieser vorbereitenden Ölstudien. Ähnlich wie die ″Improvisation Sintflut″ (Tafel 30) aus dem Umkreis der ″Komposition VI″ (Eremitage, St. Petersburg) mutet sie zunächst wie ein strudelndes Chaos von Farben und Formen ohne jede verständliche Strukturen an. Deshalb mag der Hinweis überraschen, dass hier ebenfalls eschatologische Motive zugrunde liegen und das Bild wie eine unterirdische Strömung beherrschen.Verunklärung, Desintegration und Mischung von Gegensätzen werden hier in einem kaum überbietbaren Maß gesteigert. In kosmischer Entrücktheit schweben Farben unterschiedlicher Konsistenz und Tiefe voreinander, bilden Anhäufungen oder werden von bunten und schwarzen Linienbündeln überlagert.
Die innere Widersprüchlichkeit der Elemente und sein kompliziertes Vorgehen bei der Erstellung eines solchen Bildes versuchte Kandinsky in seinem ″Kölner Vortrag″ von 1914 zu erläutern: "Ich kürzte das Ausdrucksvolle durch Ausdruckslosigkeit ab. Ein an und für sich im Ausdruck nicht sehr klares Element unterstrich ich durch die äußere Lage, in die ich es stellte. Den Farben nahm ich ihre Deutlichkeit im Klang, ich dämpfte auf der Oberfläche und ließ ihre Reinheit und ihre wahre Natur wie durch ein Mattglas herausleuchten. So ist die ″Improvisation 22″ und die ″Komposition 5″ gemalt, größtenteils auch die sechste. Die letzte bekam drei Zentrums und eine große Kompliziertheit der Komposition …"
In den vielen Entwürfen zu ″Komposition VII″ war das in der Mitte liegende Zentrum, ein konzentrischer, von zwei Linien durchkreuzter Farbkreis, von Beginn an festgelegt, in einer Reihe von ihnen sind figürliche Reste apokalyptischer Motive erkennbar. Auffallend in unserem ″Entwurf 2″ ist die matte Leere am unteren Bildrand. In der Moskauer Endfassung ist die Dynamik eines trichterförmigen Sogs, in den die Farbgebilde über ihm gezogen werden, noch stärker ausgeprägt. Dazu erscheint jedoch in der unteren linken Ecke deutlich erkennbar ein Ruderboot, ein eindeutiger Hinweis auf die eschatologischen Zusammenhänge der ″Komposition VII″.

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