Titel / Kurzbeschreibung
Reh im Klostergarten
Datierung
1912
Objektart
Gemälde
Material
Öl auf Leinwand
Maße
75,7 cm x 101 cm
Signatur / Beschriftung
u. r.: Marc; rückseitig: Marc Sindelsdorf
Ausgestellt
ja
Inventarnummer
G 13323
Zugang
Schenkung 1965
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Zitiervorschlag / Permalink
Franz Marc, Reh im Klostergarten, 1912, Öl auf Leinwand, 75,7 cm x 101 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://sammlungonline.lenbachhaus.de/objekt/reh-im-klostergarten-30019620.html
Werktext
″Reh im Klostergarten″, das möglicherweise auf den Eindruck einer abendlichen Wanderung zurückgeht, auf der Franz Marc für einen kurzen Moment ein Reh im Mondlicht zwischen den hohen Gewächsen eines Klostergartens – etwa in Benediktbeuern – gesehen hat, ist ein für das Jahr 1912 stilistisch ungewöhnlich fortgeschrittenes Bild. Mehr noch als durch die kubischen Blöcke des ″Tigers″ sind hier die Bildelemente in einzelne, gegeneinander verschobene schmale Facetten zerlegt und zu einer neuen Wirklichkeit zusammengefügt. Auf geheimnisvolle Weise tragen die rudimentären Naturformen zur Entstehung des übergreifenden Ordnungssystems der Linienbündel bei, Gitterstrukturen, Kreissegmente und Dreiecke, die wiederum oft mehreren Gegenständen zugleich angehören. Im Zentrum des Bildes, eingepasst in eine abstrakte Winkelform und doch in seiner körperlichen Integrität nicht angetastet, steht ein Reh, den Kopf erhoben und zurückgewandt gegen die matte Kugel des Mondes, die, von Blau und Orange träge umfangen, das ruhigste Element in der aufgewühlten nächtlichen Landschaft darstellt.
Zweifellos sind in diesem Gemälde Einflüsse der italienischen Futuristen spürbar, deren Werke Marc erstmals im Katalog der Berliner 'Sturm'-Ausstellung vom Mai 1912 gesehen hatte. Marc, der anders als Kandinsky parallele Strömungen der jungen Kunst, etwa auch der 'Brücke'-Expressionisten, durchaus begrüßte und schätzte, hat hier die Bewegungsmetaphern des Futurismus für seine Zwecke umgewandelt. Doch von mindestens ebenso großer Bedeutung für das spannungsreiche, rhythmische Gefüge seiner reifen Werke von 1913 und 1914 war die Begegnung mit der Kunst Robert Delaunays. Im Oktober 1912 hatte Marc zusammen mit August Macke den französischen Künstler in seinem Pariser Atelier besucht. Ebenso wie Macke ist er begeistert von den 'Fensterbildern' Delaunays und schreibt darüber an Kandinsky: "Er arbeitet sich zu wirklich konstruktiven Bildern durch, ohne jede Gegenständlichkeit, man könnte sagen: rein klangliche Fugen." Selbst wenn ″Reh im Klostergarten″ nach Klaus Lankheit vor dem Besuch bei Delaunay im Herbst 1912 gemalt wurde, so kannte Marc doch bereits die "aufregenden" berstenden ″Eifteltürme″ des Franzosen aus der ersten Ausstellung des 'Blauen Reiter' sowie ein Beispiel aus der Serie ″La Ville″, das im Almanach 1912 zusammen mit einem Aufsatz zur Kunst Delaunays reproduziert worden war. Doch während in Delaunays transparenten Prismen die lichthaltige Farbe selbst, ihre formschaffenden Energien, Intervalle und Kontraste zum Thema der Malerei werden, dienen sie in den Bildern Marcs als Spiegel einer Innenschau der Dinge. "Mit den Augen des Tiers" gesehen ist dabei nur die Umschreibung für einen auf Transzendenz zielenden künstlerischen Standortwechsel. In ″Reh im Klostergarten″ kommt das Licht nicht nur von der Scheibe des Mondes, sondern Strahlen unbekannter Herkunft durchkreuzen das Bild. Frederick S. Levine sah darin den Einbruch einer latenten Bedrohung. Tatsächlich tragen Marcs Werke in den letzten beiden Jahren vor dem Ersten Weltkrieg oft Züge einer tiefen Gefährdung.

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